Anmerkungen von blaubecker

 
1. Außerdem:
 

20. April 2017: Auf meinem Rechercheweg zum Kinderheim in der Königsheide gibt es reichlich Abzweigungen, die ein weiteres Feld eröffnen oder eine Sackgasse sind. Meist sind es weite Felder, deren Ende ich noch nicht überblicken kann. Es gibt auch Abzweigungen, die mich wiederum zu meiner Großmutter Edith Donat führen und den Kreis schließen. Eine davon ist mir durch Inge Heym vor einigen Jahren benannt worden und mir besonders wichtig. Sie bekommt deshalb an dieser Stelle eine Erwähnung: Mentona Moser. (Link zur DNB). In ihrer lesenswerten Biografie “Unter den Dächern von Morcote” beschreibt sie u.a. die Zeit und die Umstände zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Unbedingte Lektüre, um das Kinderheim in der Königsheide zu verstehen. Weitere Informationen folgen.

2. Zur Arbeit an den Blauen Heften:

Vielleicht waren es ausgerechnet die scheinbar nutzlosen oder nebensächlichen Dinge, die für einen kurzen Augenblick zum Wichtigsten in der Welt eines Heimkindes wurden. Deren Bedeutung oder Schönheit in dem Moment nur das Kind erkannte. Wenn diese Momente zugelassen wurden oder aber zu oft missachtet oder sogar zerstört wurden, bewusst oder unbewusst, beeinflusst das die Farben der Erinnerungen eines Menschen an seine Kindheit im Kinderheim.

Die Geschichte des Kinderheims in der Königsheide bedarf eines sehr differenzierten und sensiblen Umgangs, da es die Geschichte vieler Menschen ist, die durch die Erfahrungen in diesem Kinderheim in ihrer Persönlichkeitsentwicklung geprägt wurden. Mit all den positiven oder negativen Erlebnissen, die es in einem Kinderheim geben kann.  Mit Beginn der Aufarbeitung zu den Heimbedingungen in den 50er/ 60er Jahren in der Alten Bundesrepublik  “Runder Tisch Heimerziehung” und der darausfolgenden Aufarbeitung Heimerziehung in der DDR mit den Ergebnissen “Berichte und Publikationen Heimerziehung DDR” und dem Forschungsprojekt “Vertiefende Aufarbeitung der Heimerziehung der DDR”, gibt es zu diesem Umgang mit dieser erlebten Geschichte sehr emotionale Reaktionen der ehemaligen Bewohner und Mitarbeiter aus der Königsheide. Ich möchten hier ein Zitat von Friedrich II. einfügen:

“Alle Handlungen der Menschen sind verschiedener Auslegung unterworfen. Man kann Gift über die guten ausgießen und den schlechten eine Wendung geben, durch die sie entschuldbar und selbst lobenswert werden; die Parteilichkeit oder Unparteilichkeit des Geschichtsschreibers entscheidet über das Urteil des Publikums und der Nachwelt.”  

 In den Blauen Heften soll das Erzählen der Geschichte des Kinderheims in der Königsheide hauptsächlich denen überlassen werden, die als Bewohner dieses Kinderheims ihre ganz eigene, persönliche Perspektive auf ihr Leben im Heim haben. Wir werden für den Leser die Geschichte verdichten, aber nicht bewerten. Ergänzt werden dazu diese sehr unterschiedlichen Erinnerungen, durch Fakten und zeithistorische Betrachtungen, auch um die Geschichten in den Blauen Heften für den Leser zeitlich einordnen zu können und entsprechend zu relativieren. Denn ein Heimkind in den 50er, den 60er oder 70er Jahren hat die Königsheide anders erlebt als ein Heimkind in den 80er Jahren in der DDR. Im Abschlussbericht “Heimerziehung DDR” wird darauf hingewiesen, dass das Kinderheim in der Königsheide gesondert zu betrachten ist. Es war ein Normalkinderheim, das nicht mit den Jugendwerkhöfen und den Durchgangsheimen in der DDR gleichzusetzen ist.*

Anne Becker

* Fonds Heimerziehung / Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR / Expertisen / Expertise 2/ Erziehungsvorstellungen in der Heimerziehung in der DDR/ Prof. Dr. Karsten Laudien und Dr. Christian Sachse S. 256: …sollte das Heim in der Königsheide in propagandistischer Absicht hinwegtäuschen. Dieses Heim ist als Paradigma für die Heimerziehung in der DDR nicht geeignet